Lateinische Zahlen
Grundlagen
Lateinische Zahlen sind Wörter: unus, duo, tres. Römische Zahlen sind Zeichen: I, II, III. Beides stammt aus derselben Kultur, meint aber Verschiedenes. Die Wörter gehören zur Sprache, die Zeichen zur Schrift.[1]
Umgangssprachlich heißen die Zeichen oft lateinische Zahlen. Gemeint ist dann die römische Zahlschrift, und die steht unter Regeln der römischen Zahlschrift und in der Tabelle 1 bis 100.
Zahl und Zeichen nebeneinander
Das Zahlwort dazu steht in der Tabelle weiter unten: 7 ist septem.
Wort oder Zeichen
Die Verwechslung hat einen einfachen Grund. Beide Systeme kommen aus dem alten Rom, und im Deutschen fehlt ein gebräuchliches Wort für die Zahlwörter einer fremden Sprache. Wer im Museum eine Jahreszahl auf einem Grabstein sieht, nennt sie lateinisch, weil die ganze Inschrift lateinisch ist. Dass die Zahl darin ein Zeichen ist und kein Wort, fällt nicht auf.
Sauber getrennt sieht es so aus. Die Zahl 7 heißt auf Latein septem, geschrieben wird sie VII. Ein Römer las das Zeichen VII als septem, genau wie wir die Ziffernfolge 7 als sieben lesen, obwohl in der Ziffer kein einziger Buchstabe des Wortes steckt. Zeichen und Wort sind zwei Ebenen derselben Zahl.
Der Unterschied wird da wichtig, wo die Wörter etwas können, was die Zeichen nicht können. Lateinische Zahlwörter haben Fälle, Geschlecht und eigene Formen für Reihenfolge, Verteilung und Häufigkeit. Die Zeichen sind stumm dafür: III steht für drei Stück, für den dritten und für dreimal, ohne dass die Schreibweise sich ändert. Erst das gesprochene Wort entscheidet, was gemeint ist.
Die Zahlen 1 bis 20
Die Grundzahlen, in der Grammatik Kardinalzahlen genannt, antworten auf die Frage wie viele. Bis zehn sind sie eigene Wörter, die man lernen muss. Von elf bis siebzehn werden sie aus Einer und Zehner zusammengesetzt, wobei der Einer vorn steht: undecim ist wörtlich eins und zehn.
Bei 18 und 19 bricht das Muster. Statt weiterzuzählen, zieht das Lateinische vom nächsten Zehner ab: duodeviginti heißt zwei von zwanzig, undeviginti eins von zwanzig. Genau dieselbe Idee steckt in der Subtraktionsregel der Zeichen, wo XVIII zwar addiert wird, XIX aber als zehn weniger eins vor zwanzig gelesen wird. Die Sprache rechnet an dieser Stelle wie die Schrift.
| Zahl | Zeichen | Lateinisch |
|---|---|---|
| 1 | I | unus |
| 2 | II | duo |
| 3 | III | tres |
| 4 | IV | quattuor |
| 5 | V | quinque |
| 6 | VI | sex |
| 7 | VII | septem |
| 8 | VIII | octo |
| 9 | IX | novem |
| 10 | X | decem |
| 11 | XI | undecim |
| 12 | XII | duodecim |
| 13 | XIII | tredecim |
| 14 | XIV | quattuordecim |
| 15 | XV | quindecim |
| 16 | XVI | sedecim |
| 17 | XVII | septendecim |
| 18 | XVIII | duodeviginti |
| 19 | XIX | undeviginti |
| 20 | XX | viginti |
Zehner, Hunderter, Tausender
Die Zehner sind ab dreißig regelmäßig gebaut: der Einer steckt vorn, hinten hängt die Endung -ginta. Wer quattuor kennt, erkennt in quadraginta die vierzig, und wer septem kennt, erkennt septuaginta. Nur viginti für zwanzig fällt aus der Reihe, weil es auf eine sehr alte Form für zwei zurückgeht.
| Zahl | Zeichen | Lateinisch |
|---|---|---|
| 10 | X | decem |
| 20 | XX | viginti |
| 30 | XXX | triginta |
| 40 | XL | quadraginta |
| 50 | L | quinquaginta |
| 60 | LX | sexaginta |
| 70 | LXX | septuaginta |
| 80 | LXXX | octoginta |
| 90 | XC | nonaginta |
| 100 | C | centum |
Zusammengesetzte Zahlen entstehen mit et oder ohne. 21 ist viginti unus oder unus et viginti, beides ist richtig. Auch hier ziehen 8 und 9 vom nächsten Zehner ab, 28 ist also duodetriginta.
| Zahl | Zeichen | Lateinisch |
|---|---|---|
| 200 | CC | ducenti |
| 300 | CCC | trecenti |
| 400 | CD | quadringenti |
| 500 | D | quingenti |
| 600 | DC | sescenti |
| 700 | DCC | septingenti |
| 800 | DCCC | octingenti |
| 900 | CM | nongenti |
| 1.000 | M | mille |
Über tausend hinaus wird es grammatisch eigen. mille ist im Singular ein unveränderliches Zahlwort, im Plural aber ein Hauptwort: duo milia sind zwei Tausendschaften, und was gezählt wird, steht im Genitiv. Zweitausend Soldaten heißen deshalb duo milia militum, wörtlich zwei Tausend an Soldaten. Die Schrift kennt diese Unterscheidung nicht, MM ist einfach zweimal das Zeichen für tausend. Wie es darüber weitergeht, steht unter Große römische Zahlen.
Ordnungszahlen
Ordnungszahlen beantworten die Frage der wievielte. Sie sind Adjektive und richten sich in Geschlecht, Zahl und Fall nach ihrem Bezugswort, genau wie im Deutschen der erste, die erste, das erste. Auffällig ist, dass zwei der wichtigsten mit den Grundzahlen nichts zu tun haben: primus gehört zu einem alten Wort für vorn, secundus kommt vom Verb sequi, folgen, und heißt wörtlich der Folgende.
| Zahl | Zeichen | Lateinisch |
|---|---|---|
| 1. | I | primus |
| 2. | II | secundus |
| 3. | III | tertius |
| 4. | IV | quartus |
| 5. | V | quintus |
| 6. | VI | sextus |
| 7. | VII | septimus |
| 8. | VIII | octavus |
| 9. | IX | nonus |
| 10. | X | decimus |
| 20. | XX | vicesimus |
| 100. | C | centesimus |
| 1000. | M | millesimus |
Herrschernamen lesen
Hinter Herrscher- und Papstnamen steht keine Grundzahl, sondern eine Ordnungszahl. Ludwig XIV heißt lateinisch Ludovicus quartus decimus, also der vierzehnte, und im Deutschen spricht man ihn genauso: Ludwig der Vierzehnte. Benedikt XVI ist Benedictus sextus decimus. Wer stattdessen Ludwig vierzehn sagt, liest das Zeichen als Grundzahl und trifft damit die falsche Wortart.
Dieselbe Regel gilt bei Kapiteln, Bänden und Kongressen. Band III ist der dritte Band, nicht Band drei. Und in Gliederungen nach DIN 1421 stehen römische Zeichen genau dort, wo eine Reihenfolge gemeint ist, nicht eine Menge.
Jahreszahlen aussprechen
Eine Jahreszahl wird für sich genommen als Grundzahl gelesen. MMXXVI ist duo milia viginti sex, zweitausend zwanzig sechs. Steht die Jahreszahl dagegen in einer Datumsangabe, wechselt das Lateinische in die Ordnungszahl und setzt sie in den Ablativ: in Urkunden heißt es anno millesimo quingentesimo, im Jahr 1500, wörtlich im tausendfünfhundertsten Jahr. Wer alte Inschriften liest, findet fast immer diese zweite Form, weil dort ein Zeitpunkt gemeint ist und keine Menge.
Im Deutschen ist die Unterscheidung längst verschwunden, wir sagen zu jeder Jahreszahl eine Grundzahl. Auf Grundsteinen, in Filmabspännen und auf Ziffernblättern steht deshalb dieselbe Zeichenfolge für beides. Welche Zahl hinter einer Jahresangabe steckt, zeigt der Umrechner in beide Richtungen.
Was dekliniert wird
Die meisten lateinischen Grundzahlen sind unveränderlich, aber nicht alle. Wer das nicht auseinanderhält, baut in einem lateinischen Satz schnell einen Fehler ein, den keine Zahlentabelle sichtbar macht.
Verändert werden die ersten drei. unus geht wie ein Adjektiv, unus, una, unum, hat aber einen unregelmäßigen Genitiv unius und Dativ uni. duo hat eine eigene alte Form mit den Ausgängen duo, duae, duo, die noch aus einer Zeit stammt, als die Sprache neben Einzahl und Mehrzahl eine eigene Form für Paare kannte. tres läuft regelmäßig, männlich und weiblich tres, sächlich tria.
Von quattuor bis centum passiert nichts. Diese Zahlwörter stehen in jedem Fall gleich, egal ob vier Soldaten Subjekt oder Objekt sind. Ab zweihundert werden sie wieder beweglich: ducenti, ducentae, ducenta und alle weiteren Hunderter gehen nach der Adjektivgruppe auf -us, -a, -um. mille bleibt im Singular unverändert und wird erst im Plural als milia zum Hauptwort.
1 bis 3 verändern sich, 4 bis 100 nicht, ab 200 wieder, mille nur im Plural. Die Ordnungszahlen verändern sich immer.
Weitere Zahlwortarten
Neben Grund- und Ordnungszahlen kennt das Lateinische zwei Wortarten, für die es im Deutschen keine eigenen Wörter gibt. Verteilungszahlen sagen, wie viele auf jeden entfallen: bini heißt je zwei. Und Zahladverbien sagen, wie oft etwas geschieht: bis heißt zweimal. In Texten über Legionen, Wahlen oder Amtszeiten stehen sie ständig.
| Zahl | je | mal |
|---|---|---|
| 1 | singuli | semel |
| 2 | bini | bis |
| 3 | terni | ter |
| 4 | quaterni | quater |
| 5 | quini | quinquies |
| 10 | deni | decies |
Auch diese Formen wirken bis heute nach. In bis steckt das Bis in Bikini nicht, wohl aber das in Bizeps, dem zweiköpfigen Muskel, und in bilateral. singuli steckt in Singular und in singulär.
Zeichen aus Wörtern
Zwei der sieben römischen Zahlzeichen sind Anfangsbuchstaben lateinischer Zahlwörter. C für 100 gehört zu centum, M für 1.000 zu mille. Diese beiden Fälle sind der eigentliche Grund, warum Wörter und Zeichen im Kopf verschmelzen: hier fallen sie tatsächlich zusammen.
Bei den übrigen fünf Zeichen ist es anders, und die verbreitete Annahme, alle sieben seien Abkürzungen lateinischer Wörter, ist falsch. I geht auf die einfache Kerbe zurück, wie man sie in ein Holz schneidet. V gilt als Bild der offenen Hand mit abgespreiztem Daumen, X als zwei gekreuzte Hände oder als durchgestrichene Zehnergruppe. L und D stammen aus älteren, etruskischen Zeichenformen und wurden erst später an lateinische Buchstaben angeglichen. Keines dieser Zeichen hat mit quinque, decem oder quingenti etwas zu tun.
Dass ausgerechnet centum und mille ihre Anfangsbuchstaben durchsetzten, hat einen praktischen Grund: es waren die Zahlen, die in Verwaltung und Heer ständig geschrieben wurden. Wo täglich Hundertschaften und Tausendschaften gezählt werden, setzt sich die Abkürzung durch. Die vollen Herkunftsangaben aller sieben Zeichen stehen unter Regeln der römischen Zahlschrift.
Die Monate, die nicht passen
Vier Monatsnamen tragen lateinische Zahlwörter, und alle vier sitzen an der falschen Stelle. September enthält septem, sieben, ist aber der neunte Monat. October enthält octo, November novem, December decem. Jedes Mal liegt der Name zwei Stellen hinter der Zählung.
Der Grund liegt im römischen Kalender. Das Jahr begann ursprünglich im März, dem Monat des Kriegsgottes Mars, weil dann die Feldzüge und die Feldarbeit wieder anfingen. Vom März aus gezählt war der September tatsächlich der siebte Monat. Als der Amtsantritt der Konsuln und mit ihm der Jahresbeginn auf den Januar vorrückte, verschoben sich alle Monate um zwei Stellen. Die Namen blieben, wo sie waren.
Zwei weitere Monate hießen ebenfalls nach Zahlen und heißen es heute nicht mehr. Der fünfte Monat war Quintilis, der sechste Sextilis. Quintilis wurde nach der Ermordung Caesars in Iulius umbenannt, weil Caesar in diesem Monat geboren war, Sextilis später zu Ehren des Kaisers Augustus in Augustus. Aus den Zahlnamen wurden Personennamen, und darum tragen von ursprünglich sechs durchnummerierten Monaten heute nur noch vier ihre Zahl.
Ein Rest der alten Zählung steckt noch woanders. Der Februar war der letzte Monat des Jahres, und weil man am Ende des Jahres den Kalender an den Sonnenlauf anpasste, bekam er den eingeschobenen Schalttag. Deshalb hat bis heute der zweitkürzeste Monat den zusätzlichen Tag, obwohl er längst der zweite und nicht mehr der letzte ist.
Im Deutschen erhalten
Die lateinischen Zahlwörter sind nie verschwunden, sie stecken in Alltagswörtern, die niemand mehr als Zahlen wahrnimmt. Wer sie einmal erkannt hat, hat einen guten Teil der Vokabeln geschenkt bekommen.
| Wort | von | wörtlich |
|---|---|---|
| Quartal | quartus | das vierte Stück |
| Semester | sex menses | sechs Monate |
| Oktave | octavus | der achte Ton |
| Dutzend | duodecim | zwölf |
| Prozent | per centum | je hundert |
| Million | mille | großes Tausend |
| Sekunde | secundus | die zweite Teilung |
| Quarantäne | quadraginta | vierzig Tage |
| dezimieren | decimus | jeden zehnten treffen |
Zwei davon lohnen den zweiten Blick. Die Sekunde heißt so, weil die Stunde zweimal geteilt wurde: die erste Teilung ergab die pars minuta prima, daraus wurde die Minute, die zweite die pars minuta secunda, daraus die Sekunde. Und die Million ist keine lateinische Bildung, sondern eine italienische Vergrößerung von mille, also ein großes Tausend. Die Römer selbst hätten decies centena milia gesagt, zehnmal hundert Tausend.
Eine Warnung vor der naheliegenden Herleitung: das Duell hat mit duo nichts zu tun. Es geht auf duellum zurück, eine altlateinische Nebenform von bellum, Krieg. Dass daraus im Sprachgefühl ein Kampf zu zweit wurde, ist eine spätere Deutung. Beim Duo, beim Duett und beim Dual stimmt die Herleitung dagegen.
Warum kein Wort für Null
Ein lateinisches Zahlwort für Null gibt es nicht. Es gibt nullus, keiner, und das ist ein Fürwort, keine Zahl. Zählen begann bei eins, und was nicht da war, wurde nicht gezählt, sondern verneint.
Das passt zur Schrift, die aus demselben Grund kein Zeichen für Null braucht: römische Zeichen bringen ihren Wert immer mit, es gibt keine leere Stelle, die ein Platzhalter füllen müsste. Ausführlich steht das unter Regeln der römischen Zahlschrift.
Das Wort nulla für die Ziffer Null kam erst im Mittelalter auf, zusammen mit den arabischen Ziffern und dem Rechnen auf dem Papier. In mittelalterlichen Rechenbüchern steht dafür auch der Buchstabe N für nihil, nichts. Latein hat die Null also bekommen, als sie gebraucht wurde, aber sie war keine römische Erfindung.
Belege
- Rubenbauer, Hans und Hofmann, J. B.: Lateinische Grammatik, Buchner, Lindauer und Oldenbourg, Bamberg und München, Abschnitt zu den Numeralia.
- Menninger, Karl: Zahlwort und Ziffer, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1958, Band 1 zu den Zahlwörtern, Band 2 zu den Zeichen.
- Ifrah, Georges: Universalgeschichte der Zahlen, Campus, Frankfurt am Main 1991, S. 187 folgende.
- Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, de Gruyter, Berlin, Einträge Dutzend, Duell, Sekunde.